Es sollte ein herrlicher, entspannter Urlaub in der Karibik werden. Wärmende Sonne, weißer Strand, blaues Meer, tolles Hotel mit allem drum und dran, alles inklusive. Lars und seine Frau Tanja hatten drei Jahre gespart, um sich, zusammen mit ihrer Tochter Klara, diesen Traum zu erfüllen. Es sollte die pure Erholung sein, fern von allem Stress und Hektik. Lars freute sich ganz besonders aufs Tauchen. Er hatte sich vorgenommen, dort seinen Tauchschein zu absolvieren. Zwischen der verregneten Heimat und dem heißen Paradies lag nur noch dieser unendlich lange Flug. Lars hatte nicht grad Flugangst, nur so ein mulmiges Gefühl. Ihm behagte es nicht, sich Dinge hingeben zu müssen, die er nicht selbst steuern konnte. Er wollte selbst das Lenkrad in der Hand halten, Herr der Lage sein.
Beim besteigen der Boing 737 bekam Lars es mit mehreren voreiligen Fluggästen zu tun, die Rempeleien und Fußtritte in Kauf nahmen, nur um so schnell wie möglich am gebuchten Platz zu sitzen. Lars nahm es gelassen, denn die Vorfreude auf diesen Urlaub überwog.
Nun aber saß er direkt am Mittelgang, neben ihm seine Frau, die im Bordjournal blätterte, um ausreichende Informationen für den baldigen zollfreien Einkauf zu studieren. Klara saß am Fenster und beobachtete, wie die Maschine langsam Richtung Startbahn rollte. Auf den Monitoren über den Sitzen lief der Informationsfilm, wie man sich in gewissen Notsituationen zu verhalten hat. Das war schon komisch, dachte sich Lars, man sah sich uninteressiert dieses Video an und wusste im Nachhinein nicht mehr, an welcher Leine man ziehen und welches Rädchen man drehen sollte. Weiter kam er nicht mit seinen Gedanken, denn Lars wurde in seinen Sitz gedrückt, als das Flugzeug mit vollem Schub zum abheben durchstartete.
Lars versuchte sich abzulenken, indem er sich in Gedanken ausmalte, wie es wohl sein mag, wenn er an einer Kreuzung, mit seinem alten Auto so beschleunigen könnte.
Die Maschine hob ab und die Stadt wurde immer kleiner.
Der kleine Becher Kaffee, den die freundlichen Stewardessen den Passagieren nach einiger Zeit serviert hatten, half Lars auch nicht wirklich. Seine Müdigkeit wurde stärker. Das sehr frühe aufstehen, es war eigentlich noch nachts, und die morgendliche Hektik beim einchecken am Flughafen verhalfen Lars zu einer körperlichen Erschöpfung, die er so nur von seiner anstrengenden Arbeit kannte. Er schaute den Gang nach vorn und zurück, um noch eine Stewardess zu erblicken, die ihm eventuell noch einen Kaffee bringen könnte. Aber das sah wohl nicht so aus.
Tanja blätterte immer noch im Bordjournal umher. Bestimmt rechnete sie im Kopf hin und her, wie viel sie hier an Bord kaufen könnte. Viel konnte es aber nicht sein, denn die Reisekasse sah nicht üppig aus. Klara schaute sich mittels der erhaltenen Kopfhörer einen Comic auf den Monitoren an.
Lars Müdigkeit erreichte einen Punkt, wo nur noch eine Mütze voll Schlaf half. Also versuchte er es sich, so bequem wie nur möglich zu machen. Ihm fröstelte leicht. Mit nicht ganz ausgestreckten Beinen und einer nicht mehr aufrechten Sitzposition schlief Lars einige Minuten später tief und fest ein.
Ein leichtes Rempeln an seinem rechten Oberarm. Lars zuckte erschrocken zusammen und versuchte in den nächsten Sekunden wach zu werden, um die Situation zu peilen. In seinem Brustkorb hämmerte sein Herz. Das stetige vibrieren des Pulses seiner Halsschlagader verspürte er als unangenehm. Was war los? Hatte er schlecht geträumt? Lars konnte sich aber an keinen Albtraum erinnern. Vielleicht hatten sie etwas Wichtiges zu Hause vergessen. Neben ihm stand der Servicewagen der Stewardessen, der ihm bestimmt am Arm getroffen hatte und ihn erweckte.
Links neben ihm saß, recht aufgeregt, seine Frau, voller Erwartung auf die Frage, ob zollfreie Waren käuflich erworben werden möchten. Wie lange hatte er geschlafen? Ihm fehlte im Moment jegliches Zeitgefühl. Klara war unterdessen eingeschlafen und saß mit angezogenen Beinen auf ihrem Sitz.
So richtig erholt oder ausgeschlafen fühlte er sich nicht, also kann noch nicht viel Zeit vergangen sein. Die freundliche Stewardess wollte sich grad seiner Frau widmen, als eine weitere, leicht aufgeregte Reiseflugbegleiterin herbeikam, um ihrer Kollegin etwas ins Ohr zu flüstern. Wechselnde Blicke mit fragender Mimik und der zollfreie Verkauf wurde abrupt abgebrochen. Tanja schaute mittlerweile genauso fragend ihren Mann an, der ihren Blick aber nicht erwiderte. Denn so wie es seiner Frau nach Parfüm und Sonnenbrillen dürstete, sehnte sich Lars nach dem Grund des allgemeinen negativen Stimmungswechsels. Er hatte schon wieder dies mulmige Gefühl. Aber warum nur?Ein dezenter Gong ertönte und das Zeichen zum Anschnallen leuchtete über jeden Sitz. Auch der Kapitän meldete sich über Bordfunk zu Wort und verkündete, dass es auf Grund schlechter Wetterverhältnisse zu Turbulenzen kommen könnte.
Tanja weckte Karla, um sie sicherheitshalber anzuschnallen. Auch Lars tat
seinen Sitz in seine aufrechte Position und befolgte die Anweisung. Gleich darauf begannen die ersten Erschütterungen. Kurze auf und ab Bewegungen gesellten sich zu den abwechselnden links und rechts Neigungen des Flugzeuges. Über den Köpfen schlugen Taschen und leichtes Gepäck in den Aufbewahrungsboxen gegen die Türen. Lars konnte beobachten, wie in den vorderen Reihen einige Türen aufschlugen und sich der Inhalt auf den darunter sitzenden Menschen entlud. Lars merkte, dass ihm schlecht wurde. Sein Herzrasen hatte seit seinem Erwachen nicht nachgelassen. Im Gegenteil, es nahm zu. Auch das Atmen wurde schneller und fiel ihm schwer.
Waren das Anzeichen einer Vorahnung oder Symptome eines psychogenen Anfalls auf Grund zunehmender Flugangst? Er versuchte sich immer wieder in Gedanken einzureden, dass alles gleich vorbei wäre, nur eine Schlechtwetterfront.
Klara versuchte sich, so weit es ging, an ihre Mutter zu klammern. In Ihrem Gesicht sah man ihre Ängste, denn die Turbulenzen wurden immer intensiver, so wie auch die panischen Schreie immer lauter wurden. Tanja hielt die Hand ihres Mannes fest, ohne ihn anzuschauen. Lars versuchte sich umzublicken. In den Gesichtern der Menschen in den Reihen vor und hinter ihm sah er stets ängstliches Bangen. Keine Freude eines bevorstehenden Urlaubs erkennbar. Er beugte seinen Oberkörper so weit nach rechts rüber, dass sein Blick den kompletten Gang nach vorn und hinten einsehen konnte. Mochte es Glück oder außerordentlicher Reflex gewesen sein. In seinem Augenwinkel sah er nur noch ein schweres, metallisches Etwas den Gang auf ihn zu rollen. Gekonnt und blitzschnell zog er seinen Oberkörper zurück und sah einen voll bepackten Servicewagen an sich vorbei rollen. Zwei Reihen schräg vor ihm hatte ein Mann nicht so viel Glück und Lars konnte sehen, wie der Metallwagen dessen Kopf traf und zur Seite schlug. Ein dumpfer Schlag und der Mann sackte, am Kopf blutüberströmt, in seinem Sitz zusammen. Der Schrei von dessen Frau neben ihn war nun deutlich lauter, als die anderen. Sie hielt ihren Mann, dessen Kopfwunde stark blutete und suchte mit Blicken nach Hilfe. Aber niemand konnte ihr helfen, denn das immer stärker trudelnde Flugzeug lähmte alle Passagiere, die sich verängstigt in ihre Sitze krallten.
Klara wurde unterdessen wach, schaute irritiert in die Augen ihrer Mutter und erkannte in ihrem Gesicht die beängstigende Situation. Tanja nahm ihre Tochter ganz fest in ihre Arme, soweit sie es im angeschnallten Zustand konnte. Lars schnallte sich ab, obwohl er nicht genau wusste, ob er das Richtige tat. An den äußeren Sitzen festhaltend, schlingerte er sich zwei Reihen vorwärts, um den verletzten Mann zu helfen. Lars war kein Arzt, das wusste er. An seinen Erste-Hilfe-Kurs konnte er sich kaum noch erinnern. Und doch hatte er das Gefühl, etwas tun zu müssen. Bevor er sich dieser Situation stellte, schaute er noch einmal zu seiner Frau und Tochter zurück. Dieses Bild in seinen Augen schmerzte. Er hatte seine Tanja noch nie so verängstigt gesehen, wie sie Klara an sich drückte und ihren Mann anschaute. Aber in ihrem Blick erkannte Lars, dass sie ihn verstehen konnte. Er musste helfen, er wollte helfen. Das Flugzeug sackte plötzlich durch, sekundenlang. Ein Gefühl, als säße man in einer Achterbahn und der Magen verkrampfte.
Sogleich fielen Sauerstoffmasken aus den Armaturen über den Sitzen. Druckabfall, schoss es Lars durch den Kopf. Er erinnerte sich an den anfänglichen Film über Notsituationen. War das eine Notsituation?
Er sah noch, wie seine Frau und seine Tochter, mit den Masken im Gesicht, ihn anschauten. Dann drehte er sich weg. Er musste dies tun. Andernfalls wäre er wieder zurück an seinen Platz gegangen, zurück zu Tanja und Klara.
Überall war Blut. Ausgehend vom Kopf des verletzten Mannes, über seine Kleidung, dem Sitz bis zum Boden. Es schien auch kein Ende zu nehmen, denn dickflüssiges dunkelrotes Blut sickerte stetig aus der klaffend offenen Wunde. Das Atmen fiel Lars schwer. Genau wie der Verletzte, der sehr schwerfällig atmete und der ziemlich benommen auf seinem Platz saß. Das Flugzeug musste sich stabilisiert haben, denn das Gefühl der Achterbahnfahrt lies nach. Aber waren sie noch auf der richtigen Reiseroute oder Flughöhe? War die Notsituation nun vorbei?Instinktiv und ohne nachzudenken, ob es helfen könnte, zog Lars sein Oberhemd aus, knüllte es zu einem Knäuel und drückte es auf die Wunde. Er konnte sehen, wie sich sein Hemd mit der roten Flüssigkeit voll sog. Das Jammern und Schreien der Frau neben ihm wurde leiser und sie übernahm die blutstillende Funktion. Sie schaute Lars dankbar an und in ihren Augen schien ein Funken Hoffnung zu glimmen. Was nun? Was sollte er jetzt machen?
Lars schaute sich nochmals im Flugzeug um. Vielleicht gab es ja doch eine kompetentere Person, einen Arzt oder Rettungssanitäter. Aber er blickte in die Gesichter verängstigter, erstarrter, blasser Männer, Frauen und Kinder, die kaum mehr in der Lage waren, als sich gegenseitig fest zu krallen. Und Lars hatte das Gefühl, alle starrten auf ihn und warteten gespannt auf die Dinge, die nun folgen würden, denn er war immer noch der Einzigste, der im Gang stand.Die Situation änderte sich, als eine der Stewardessen mit einem Notfallkoffer in den Händen herbei eilte. Mit zitternden Händen reichte sie Lars unaufgefordert mehrere Sachen aus dem Koffer, von denen sie nicht wusste, ob er alles gebrauchen konnte. Lars riss einige Tüten und Verbandspäckchen auf, warf das voll gesogene, mittlerweile rote Hemd zu Boden und betrachtete sich kurzzeitig die Wunde. Die Blutung hatte nachgelassen, aber nicht aufgehört. Lars stapelte mehrere Lagen Kompressen auf seinen Kopf und Verband diesen mit einer Mullbinde. Nicht schön aber selten, dachte sich Lars, aber es erfüllte seinen Zweck. Bei diesen Gedanken erlangte der Mann so nach und nach sein Bewusstsein. Die Frau nahm nahm Lars Hand und drückte sie sanft. Ein Dankeschön ohne Worte. Mit Tränen in den Augen widmete sie sich nun wieder ihrem Mann, dessen Zustand sich zusehends stabilisierte. Auch die Stewardess vermochte keine Worte zu sagen. Sie drehte sich um und widmete ihre Aufmerksamkeit den anderen Passagieren.
Lars schaute sich um. Die Situation wirkte etwas entspannter. Das Flugzeug hatte sich gänzlich stabilisiert und einige Passagiere hatten ihre Sauerstoffmasken abgemacht. Auch Tanja und Klara. Nun würde er sich wieder seiner Frau widmen, sie beruhigen und gemeinsam hoffen, dass dieser schreckliche Flug bald ein Ende nehmen würde.
Sich stützend an den Sitzlehnen festhaltend, schritt Lars nun die wenigen Reihen zurück. Er konnte das Lächeln von Tanja und Klara sehen, spürte, wie sehr sie sich auf ihn freuten. So wie er es tat, wieder in ihrer Nähe zu sein. Nur noch wenige Meter. Tanja in seine Arme nehmen, Klaras kleine Kinderhände halten, sich gemeinsam auf einen erholsamen Urlaub freuen. Das Flugzeug sank so abrupt durch, das die Menschen an Bord kaum Zeit hatten zu schreien. Körperlich verkrampfend mit verzerrtem Gesicht, krallte sich ein Jeder an seinen Sitz fest.
Jeder? Auch Lars versuchte sich irgendwo fest zu halten. Er fand aber keinen Halt. Sein Sitz neben seiner Frau war zum greifen nah, schaffte es aber nicht aus eigener Kraft, ihn zu erreichen.
Tanja erkannte die leidliche Situation ihres Mannes und streckte ihre Arme, soweit sie konnte, aus, um ihren Mann, in den zum Schutze sicheren Sitz zu helfen. Auch Lars versuchte, einen Arm Richtung Tanja zu strecken. Es reichte nicht. Zentimeter fehlten an einer minimalen Berührung mit seiner Frau. Klara klammerte sich an ihre Mutter fest, die nicht aufgab, ihrem Mann zu helfen. Sie rutschte in ihrem Sitz hin und her, um so ihren Oberkörper weiter nach vorn zu beugen. Das Flugzeug stürzte unterdessen weiter. Lars wusste weder wie lange es noch doch dauern würde, bis es zum Aufschlag kommen würde, noch ob es die Crew schaffen könnte, das Flugzeug abermals zu stabilisieren. Sofern es aber noch Hoffnung und Zukunft gab, und die saß vor ihm, wollte Lars nicht aufgeben. Er bündelte seine ganze Kraft und schob seinen Körper soweit nach vorn, dass er die Hand seiner Frau ergreifen konnte.
Das plötzliche, laute Geräusch, das einer Explosion gleichkam, änderte die Situation. Eine Tragfläche brannte lichterloh, aus den Düsen schossen grelle Flammen und schwarzer Rauch und dort, wo sich Flugzeugrumpf und Tragfläche trafen, klaffte ein Loch in der Wand von drei Reihen Ausmaße. Dort, wo Tanja und Klara saßen.
Der starke Sog, der Lars sofort erfasste, riss ihn zur Hälfte seines Körpers hindurch. Tanja hielt nun ihren Mann mit beiden Händen fest, sie selbst wurde nur noch vom Gurt in ihrem Sitz gehalten. Klara hielt sich an Tanja, voller Angst, Panik und schrie. Lars Leben hing an zwei Händen, deren Kräfte allmählich schwanden. Tanja spürte dies und Lars sah es in ihrem Gesicht. Es war wie in Zeitlupe. Augenblicke, die kurz waren und dann zur Ewigkeit wurden. Andere Passagiere aus den benachbarten Reihen konnten oder wollten nicht helfen.
Wie lange noch? Lars hatte Schwierigkeiten beim Atmen.
Wirre Gedanken benebelten seine Sinne.
Wann war alles vorbei? Hatte sich das Flugzeug etwas stabilisiert? War es beruhigende Einbildung zur Verschönerung der Situation oder die letzten Hoffnungen vor dem tödlichen Aufschlag?
Lars bereitete sich auf seinen Tod vor. Tod, das endgültige Ende.
Bereiten sich seine Frau und seine Tochter auf darauf vor?
Wieso? Hätten sie dieses Jahr nicht mit dem Auto fahren können?
Gleich ist es vorbei. Lars war der Meinung, er würde ein helles Licht sehen, Wärme spüren.War er schon tot? Nein, Tanja hielt ihn immer noch fest. Sie hielt ihre Liebe. Aber es schmerzte ihr. Krämpfe durchzogen ihre Muskulatur. Wie lange würde sie ihn noch halten können?
Lars sah seine Tanja an, sie hatte Schmerzen, das tat ihm weh. Er wollte das nicht mehr. So wollte er das nicht mehr. Er wollte es beenden. Er musste es beenden. Jetzt.
Ein kurzer Blick zu seiner Tochter, die ihr Gesicht in den zitternden Körper der Mutter drückte und sich an diesem fest hielt. Richtig so, dachte Lars, schau nicht hin, behalte das zuletzt gesehene in bester Erinnerung. Dann schaute er seine Tanja an, wissentlich das letzte mal, bestärkt von seiner Absicht, sie von den Qualen zu erlösen. Aber was dann? Werden sie überleben, wenn er sich dem hingab, wovon er im Moment der Meinung war, das es das Richtige war. Erlösung?
Tanja hatte Tränen in ihren Augen. Sie ahnte, was ihr Mann vorhatte. Keine Kraft mehr da, keine Rettung, keinen Ausweg. Sie wollte, aber konnte nicht.
„Ich liebe Dich“, sagte Lars und ließ seine Frau los.
Er sah ihr Gesicht immer noch vor seinem, ganz nah. Und doch entfernte er sich von ihr ganz schnell. Er konnte immer noch ihre Augen sehen, ihre Tränen, ihren Schmerz.
Sein Körper kreiste, immer schneller. Lars bekam kaum noch Luft. In winzigen Bruchstücken sah er das brennende Flugzeug, unruhig, aber stabil.
Jeden Moment war alles vorbei. Vorbei. Ende. Aber immer noch sah er seine Frau und seine Tochter, direkt vor ihm. Wie fühlt es sich an? Wann endet das Leben, wann beginnt der Tod?
Lars schloss seine Augen und war bereit.
Ein leichtes Rempeln an seinem rechten Oberarm. Lars zuckte erschrocken zusammen und versuchte in den nächsten Sekunden wach zu werden, um die Situation zu peilen. In seinem Brustkorb hämmerte sein Herz. Das stetige vibrieren des Pulses seiner Halsschlagader verspürte er als unangenehm. Was war los? Neben ihm stand der Servicewagen der Stewardessen, der ihm bestimmt am Arm getroffen hatte und ihn erweckte. Lars spürte starke innere Anspannung, merkte, wie kaltschweißig er war. Er fühlte, dass etwas nicht stimmte. Es war anders. Ihm war, als gab es die Situation schon einmal. Das kannte er schon.
Lars schaute neben sich, sah seine Frau an. Er hatte das Gefühl, sie irgendwie verloren zu haben. Aber sie war doch bei ihm, neben ihm. Und seine Tochter Klara? Sie saß mit angezogenen Beinen neben Tanja, am Fenster und schlief. Er sah Tanja an, als würde er sie nach jahrelanger Trennung wieder sehen. Was war nur los mit ihm?
Tanja bemerkte das erschrockene Gesicht ihres Mannes, sah seine Blässe, die vielen Schweißperlen auf seiner Stirn und unterbrach das Betrachten der Reklame für zollfreie Einkäufe. Die Stewardess, die unterdessen höflich nachfragte, ob jemand etwas kaufen möchte, akzeptierte ein ebenso freundliches Kopfschütteln von Tanja. Lars sah irritiert Tanja an und bemerkte, wie sich die vorab erahnte Handlung änderte. Tanja nahm ihren Lars in die Arme. Lars genoss diesen Augenblick, als wenn es der Letzte gewesen war. Der Letzte?
Ein dezenter Gong ertönte und das Zeichen zum Anschnallen leuchtete über jeden Sitz. Auch der Kapitän meldete sich über Bordfunk zu Wort und verkündete, dass es auf Grund schlechter Wetterverhältnisse zu Turbulenzen kommen könnte. Lars merkte, dass ihm schlecht wurde. Sein Herzrasen hatte seit seinem Erwachen nicht nachgelassen. Im Gegenteil, es nahm zu. Auch das Atmen wurde schneller und fiel ihm schwer. Aber alles nicht, weil er Flugangst hatte, sondern, weil ihm alles so bekannt vorkam. Er war der Meinung, er wusste, dass es geschehen wird. Und das machte ihm Angst. Aber konnte das sein, das er alles vorher wusste? Hatte er vorher alles geträumt oder steckte er unmittelbar in einem? Wollte er die Wahrheit wissen? Lars stieß sich sanft aus der Umarmung, drehte seinen Oberkörper zum Gang und beobachtete. Seine Augen quollen förmlich heraus. Ihm war übel vor Aufregung, sein Puls hämmerte und seine wirren Gedanken überschlugen sich. Er beugte seinen Oberkörper so weit nach rechts rüber, dass sein Blick den kompletten Gang nach vorn und hinten einsehen konnte. Mochte es Glück oder außerordentlicher Reflex gewesen sein. In seinem Augenwinkel sah er nur noch ein schweres, metallisches Etwas den Gang auf ihn zu rollen. Gekonnt und blitzschnell zog er seinen Oberkörper zurück und sah einen voll bepackten Servicewagen an sich vorbei rollen.
Er wusste es. Lars wusste es schon, bevor er es im Augenwinkel vernahm. Panik stieg in ihm auf, denn seine Gedanken waren der Zeit schon voraus. Er sah eine blutende Wunde eines unbekannten Mannes, schreiende Passagiere in einem abstürzenden Flugzeug, Feuer und Rauch, ein großes Loch im Flugzeug, seine Frau mit Tränen in den Augen und dann plötzlich nichts. Alles war schwarz, der Film war vorbei. Ende der Vorschau.
Lars zitterte am ganzen Körper. Er kochte innerlich, war zum übersprudeln bereit. Es musste raus, er musste was tun. Lars holte Luft und schrie ganz laut: „NEIN“
Sämtliche Passagiere, besonders Tanja und Klara, erschraken und schauten in seine Richtung. Auch ein Mann, zwei Reihen schräg vor ihm, saß starr aufrecht in seinem Sitz, schaute Lars verwundert und irritiert an, währenddessen ein voll bepackter Servicewagen an ihm vorbei den Gang runter rollte, um am Ende mit einem schepperndem Geräusch zum Stillstand kam.
Lars sank erschöpft, aber auch erleichternd in seinem Sitz zusammen. Fragende Blicke der Anderen ignorierte er. Die totale Entspannung machte sich in seinem Körper breit. Er lächelte, denn er hatte es geschafft. Lars hatte seine Zukunft geändert. Lars hatte wieder eine Zukunft.
Er widmete sich wieder seiner Frau, die ihn immer noch sehr verwirrt anschaute und nicht wusste, warum ihr Mann das tat. Aber vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen, denn sie sah Lars an und erkannte, dass es ihm gut ging.
Lars sah positiver Dinge entgegen und umarmte seine Tanja. Er wusste, dass dies nicht die letzte Umarmung war. Dann küsste er sie und sagte: „Ich liebe dich!“
Ihre Augen füllten sich mit Flüssigkeit und Lars wusste, es waren Tränen der Freude.
ENDE
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